Leseliste 25. November 2018 – andere Medien, andere ThemenHelsinki unter Tage, Markenlose Markenware, Rechtsfluencer und Burger-Drama

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Jede Woche liest die Redaktion das Internet leer, um sonntäglich vier Lesestücke empfehlen zu können. Artikel, die interessant, relevant oder gar beides sind – und zum Glück abgespeichert wurden.

Helsinki unter Tage

Während die Megametropolen der Welt noch heute um die imposanteste Skyline buhlen und deshalb Milliarden in den wirtschaftlich wie ökologisch unsinnigen Bau von Wolkenkratzern investieren, sprengt man in Helsinki lieber Löcher in den Untergrund. Die finnische Hauptstadt wächst rasant, doch an der Oberfläche sind viele der damit einhergehenden Neubauprojekte unsichtbar. Schon jetzt gibt es 400 unterirdische Bauten: Shopping- und Fitnesscenter, einen riesigen Busbahnhof, die Eissporthalle der Erstligisten, eine Müllverwertungsanlage, ein Rechenzentrum und unzählige weitere, nicht öffentliche Anlagen, die die Energieversorgung sichern. Die Kollegen der brand eins haben sich Helsinkis Unterwelt zeigen lassen.

„Die Bevölkerung Helsinkis wächst zehnmal so schnell wie die von Berlin. In bis zu 80 Metern Tiefe fahren bereits heute 3000 Laster täglich ihre Waren umher.“

Die unterirdische Stadt

No Name

Unsere Konsumgesellschaft hat einen weiteren Black Friday überstanden – und ordentlich Geld ausgegeben. Was in der Regel bedeutet: sich übers Ohr hauen lassen, denn die versprochenen Rabatte – davor warnen inzwischen nicht mehr nur die Verbraucherzentralen – sind in der Regel Schall und Rauch der Marketingabteilungen und Excel-Schubser, die sich gerade noch rechtzeitig an die ursprüngliche UVP von Produkt XY erinnerten. Profit-Profis eben. Von dieser Strategie können Luxus-Marken ein Lied singen: Ihr gesamter Erfolg beruht auf diesem Konzept. In den USA geht demnächst „Italic“ online, ein Start-up mit einer zwar nicht neuen, aber doch erfolgsversprechenden Idee: Die Unternehmen, die für Prada, Gucci, Burberry und Co. produzieren, stellen auch für Italic her – mit den gleichen Qualitätsvorgaben der großen Kunden, nur ohne aufgedrucktes oder eingesticktes Label. Und Italic verkauft diese Produkte für einen Bruchteil an die Mitglieder des Services. Keine Bootlegs, keine Design-Ripoffs – hier werden eigene Entwürfe angeboten, zu praktisch Discounter-Preisen, nur eben in Highend-Qualität. Die Warteliste für einen Account bei Italic ist lang. Und in China wird mit dem Konzept bereits richtig viel Geld verdient.

„There is, and always be, a place in this world for great brands. Italic is more focused on the consumer who cares less about the badge and more about the product they are getting.”

Luxury goods from Prada and Gucci are marked up because of their branding. This startup will sell them to you without the labels.

Jung, naiv, rechts

Henryk Stöckl ist rechts und kreiert seine eigene Realität. So far, so leider nicht mehr ungewöhnlich. Aber: Er ist ein Influencer, der mit seinen Livestreams mehr Menschen erreicht als so manches klassische Medium. Stöckl besucht Demonstrationen und erfindet alternative Fakten. Spricht von Hetzjagden, die nie stattfanden, von Verletzungen, die sich kein Polizist zugezogen hat, faselt von Beinahe-Massenmorden und bürgerkriegsähnlichen Zuständen. Postet Bilder von Toten, die zwar tot sind, aber nichts mit seinen Schilderungen zu tun haben. Die Polizei-Twitterer kommen kaum hinterher, alles als falsch zu erklären. Buzzfeed hat den jungen Mann zum Interview getroffen. Es wird schnell klar: Der Typ ist einfach verrückt. Was seinen Followern bisher aber egal zu sein scheint.

„Woher er wissen will, dass die Vergewaltigung in Freiburg die „größte Gruppenvergewaltigung des Jahrzehnts“ gewesen sei? Stöckl überlegt. Sekundenlang. Seine Augen wandern von links nach rechts. Viele Menschen würden sich jetzt einen Ruck geben und Dinge sagen wie: „Entschuldigung, ich weiß es nicht.“ Nicht Stöckl. „Also, diese Frage, die lassen wir mal lieber aus“, sagt er schließlich.“

Der Rechtsfluencer

Listen-Drama mit Burger

Kevin Alexander ist Food-Journalist und hat für die Plattform „The Thrillist“ im vergangenen Jahr eine Liste mit den 100 besten Burger-Läden der USA veröffentlicht. Dafür aß er 330 Burger in 30 Städten und am Ende landete der Familienbetrieb „Stanich’s“ aus Portland auf der Nummer 1. Nach der großen Euphorie kam die schnelle Ernüchterung. Der kleine Laden kam mit dem Ansturm nicht klar. Kunden warteten über fünf Stunden auf Ihre Bestellungen. Es gab Krach unter den Familienmitgliedern. Im Januar schloss das „Stanich’s“ seine Türen. Eigentlich nur für zwei Wochen, nun ist der Laden aber immer noch zu. Alexander hatte eine Ahnung, dass er Mitschuld trägt und besuchte nun den Besitzer erneut. Über die Sinnlosigkeit von Listen und die Schattenseiten des Erfolgs.

„For the past year, the story of Stanich’s has haunted me. For most of that time, I’d been away from Thrillist, as I worked on a book that frequently took me to Portland. Each time I was there, my story would somehow find a way into conversation, like the one with my Lyft driver who asked if I liked burgers. Yes, I said tentatively. “Well, we had a great one here,” he said, as we drove over the Burnside Bridge. “But then some asshole from California ruined it.” Or the time, while sitting at the bar at Clyde Common, the bartender came up to me and in a soft, friendly voice inquired if I’d planned on closing any more burger restaurants while I was in town.“

I Found the Best Burger Place in America. And Then I Killed It.

Wochenend-WalkmanDiesmal mit Emanuele Errante, Songs: Ohia und Mariel Ito

Pageturner: Literatur im NovemberTristan Garcia, François Cusset und Laurent de Sutter